Kolhammer & Mahringer, Fine Arts

Die höchste Form der Kunst im Mittelalter ist die Gestaltung in drei Dimensionen. Die Bildhauerei gilt als die Krönung künstlerischer Schaffenskraft. Skulpturen sind in dieser Epoche das gestalterische. In der Frühzeit ist im Besonderen Jesus Christus am Kreuz die wichtigste Darstellung. Während die graphischen, gemalten oder reliefierten Bildnisse üblicherweise Kreuzigungen genannt werden, bezeichnet Kruzifix das Bild des Heilandes am Kreuz in Form einer einzelnen, gegenständlichen Skulptur. Das lateinische Wort Crucifixus bezeichnet nur den für sich betrachteten Leib des Gekreuzigten (Korpus, Corpus Christi). Manchmal ist das Kreuz selbst verlorengegangen und nur der Korpus als kreuzförmige Skulptur erhalten geblieben, oder es wurde von vorneherein nur ein Corpus Christi als Kunstwerk geschaffen.

Dieser wunderbare Corpus Christi aus der Zeit um 1330 ist in seinem Ausdruck und Erhaltungszustand museal. Der schlanke Körper ist in leichter S-Linie geformt. Der Brustkorb ist ausgeprägt und zeigt die einzelnen Rippen. Die Beine laufen lange parallel und kreuzen sich erst weit unten bei den Füßen zum Dreinageltypus. Seine dünnen Arme sind nach oben gestreckt und verdeutlichen somit das Hängen am Kreuz und dem damit verbunden Leiden. Die Fassung, ein ganz wichtiges Kriterium bei Skulpturen des Mittelalters, ist in gutem Zustand. Sie ist großteils erhalten. Die Dornenkrone sitzt auf dem geneigten Haupt. Dadurch verdeutlicht sich die Last die der geschundene Körper zu tragen hat. Das Lendentuch wirkt einfach, ist jedoch von schlichter Eleganz und unterstreicht das feingliedrige Erscheinungsbild. Die langen, seitlich bis zu den Knien herabfallenden Falten des Stoffes bezeugen die frühe Zeit der Entstehung.

Wie kann ein solch hagerer, kraftlos wirkender, Mann die Bürde der ganzen Welt auf sich tragen? Der Bildhauer hat in dieser Skulptur ein Meisterwerk geschaffen das über Jahrhunderte erhalten geblieben ist und in jedem großen Museum der Welt seinen angestammten Platz finden würde.