Relief der Weihnachtsgrippe

um 1510

Relief der Weihnachtskrippe

um 1510


Meisterliche Arbeit eines schwäbisch/tirolerischen Bildschnitzers
Lindenholz geschnitzt
Breite 70 cm, Höhe 43 cm

WEIHNACHTSRELIEF

Dieses Weihnachtsrelief, das die Geburt Christi darstellt, wurde in Tirol um 1510 aus Lindenholz gefertigt (Maße: 70 x 43 cm). Es besticht dabei durch das länglich-horizontale Format, innerhalb dessen die Figuren in einen perspektivisch verdichteten Bildgrund eingeschrieben sind. Diese agieren vor allem im Vordergrund, wobei die hinteren Bildgründe durch Bäume mit buschigen Baumkronen und felsenartige Gebilde gestaffelt sind. Dies vermittelt einen Eindruck völliger Isolation in einer Wald- und Felsenlandschaft, mit nur einem einzigen architektonischen Gebilde.

Davor sind die Personen versammelt, die visuell in zwei Gruppen geteilt werden können: Die Heilige Familie, bestehend aus Maria, Josef und dem Jesuskind, im Zentrum, und die sie umringenden und anbetenden Hirten mit ihren Tieren. Letztere treten von beiden Seiten an die zentrale Gruppe heran: Links haben sich acht Personen unterschiedlichen Alters versammelt; zwei von ihnen lugen über Marias Schulter in die Krippe, und der Rest kniet mit zum Gebet verschränkten Händen daneben. Eine Person hält ein Lamm in den Armen, das auf den Opfertod Christi anspielen könnte sowie auch auf den Ausspruch Johannes des Täufers: „Ecce Agnus Dei“ („Seht, das Lamm Gottes“, in: Joh 1, 29 und 36). Zur rechten Seite tritt ein alleiniger Hirte mit Stab und Laterne heran, wobei drei Schafe vorangehen. Könnten sie auf die Ankunft der Heiligen Drei Könige aus dem Osten anspielen, die dem Stern von Bethlehem folgten um Jesus zu huldigen und zu beschenken? Schließlich ist der Sternenschweif sehr prominent an höchster Stelle zu sehen. Hirten treten häufig in der Geburtsszene Jesu auf, da diese von einem Engel aufgesucht wurden, der ihnen verkündigte, dass in Bethlehem der Messias geboren war, woraufhin die Hirten ebenfalls zum Geschehen eilten. Sogar ein Engel – möglicherweise der Verkündigungsengel? – ist im Hintergrund zu sehen: Er blickt aus dem gotischen Spitzbogenfenster mit zeitgenössischem Maßwerk aus Fischblasenmotiven hervor und hat seine rechte Hand zur Brust geführt.

Das kleine Fenster ist in einen baldachinartigen Gewölbebau eingefügt, der sich in die Tiefe verengt und dadurch einen erhabenen und prachtvollen Eindruck vermittelt. Dies wird unterstrichen durch die Reste der ursprünglichen Vergoldung, die das gesamte Relief überzogen haben muss. Besonders eindrucksvoll sind die Säulen mit mehrzonigen Kapitellen, auf denen die Grate des Kreuzrippengewölbes aufsitzen, die in einem floral geformten Schlussstein enden. Diese Konstruktion zeigt nicht nur die Verortung des Geschehens an, sondern ist gleichzeitig die architektonische Überhöhung der Heiligen Familie. Maria und Josef flankieren das Jesuskind, das auf einer Falte von Marias Gewand – und in keiner Krippe! – zu liegen scheint, die Joseph hält. Das Kind ist Maria zugewandt, welche auch mit der rechten Hand nach dem Kind greift. Es hat ebenfalls die rechte Hand erhoben, scheint allerdings nach den zwei kleinen Tierköpfen zu langen: Die charakteristischen Beifiguren von Ochs und Esel blicken vorwitzig zwischen den Eltern hinab auf das Kind. In der Geburtsgeschichte Jesu heißt es ja, dass die Herbergen keinen Platz hatten und das Neugeborene deshalb in eine Krippe gelegt wurde, woraus man schloss, dass er in einem Stall geboren wurde. In diesem Fall jedoch ist keine Krippe präsent, und auch der vermeintliche Stall wirkt wie ein sakraler Kirchenraum, der vermutlich bereits in Vorausschau auf die Bedeutung Jesu Christi besonders prunkvoll gezeigt wird. Der Schnitzmeister verortete das Geschehen in einem ihm bekannten, zeitgenössischen Bau.

Stilistisch kann das Werk auch aufgrund der kurzen Locken der männlichen Figuren und Marias langen gewellten Haaren, die in einzelnen, dichten Haarbündeln über den Rücken fallen, auf die Zeit nach 1500 datiert werden. Die Draperie des Gewandes, das in scharfkantigen, voluminösen Faltenkonfigurationen herabfällt ist ebenso ein ausschlaggebendes Merkmal wie die sogenannte „Ohrenfalte“, eine wie vom Wind aufgebauschte und kunstvoll drapierte rundbogenartige Falte, die sowohl Marias Gewand als auch jenes des Hirten hinter ihr aufweist. Die Darstellung der gotischen Architektur mit Spitzbogenfenster, Maßwerk und Kreuzrippengewölbe dient der zeitgenössischen Aktualisierung der Geburt Jesu und bringt damit eine gewisse Familiarität einher, mit der sich der Betrachter identifizieren kann. Gleichzeitig wird dieser auch durch die Verortung im bekannten Kirchenraum sowie die Vorführung der knieenden und betenden Haltung angewiesen, es den Figuren gleichzutun; somit ruft das Relief in besonders ausgeklügelter Weise zur Andacht auf. Es handelt sich dabei um eine sehr seltene Darstellung mit außergewöhnlicher Kombination ikonographischer Merkmale, und besonders die hohe Qualität der Schnitzerei macht es zu einem bedeutenden, musealen Werk.