Relief

um 1490/1510

Anbetung der Könige

Meisterliche Werkstatt in Ulm
um 1490/1510
Lindenholz geschnitzt
Originale Fassung
44 x 25,8 cm

Anbetung der Könige

Bei diesem meisterhaften Relief handelt es sich um eine Darstellung der Anbetung der Könige. Es ist aus mehreren Lindenholzplatten in horizontalem Format zusammengesetzt, wobei die Figuren beinahe vollplastisch aus dem einheitlich gehaltenen Bildgrund hervortreten. Dabei hat sich die originale Fassung erhalten, besonders das Inkarnat sowie die vergoldeten und versilberten prächtigen Gewänder, wobei letztere zu einem tiefen Grauton oxidiert sind (dies unterstreicht das Alter des Reliefs). Es handelt sich hierbei wohl um die Arbeit der schwäbischen Werkstätte eines Ulmer Meisters des späten 15. Jahrhunderts.

Die drei Könige des Morgenlands nähern sich von rechts der Heiligen Familie, bestehend aus Josef, Maria und Jesuskind. Der bärtige Josef steht am linken Bildrand, sich auf einen Stock abstützend, und überblickt die Szene zu seiner Rechten: Maria, in goldene Gewänder und einen Schleier gehüllt, ist sitzend dargestellt und hat ihre Hände um den nackten Körper des Kleinkindes geschlossen. Dieses neigt sich nach vorne und greift nach den Gaben, die einer der drei Könige ihm überreicht. Dabei handelt es sich vermutlich um Gold, das in einer Schachtel in kleinen Goldbarren präsentiert wird. Der glatzköpfige, ältere Mann mit langem Bart kniet in typischer Manier vor den Beiden und blickt zum Kind, den Mund entweder vor Erstaunen oder im Dialog geöffnet.

Von rechts treten zwei weitere Könige heran, die ebenfalls Gaben – wohl Weihrauch und Myrrhe – darbringen wollen. Der linke, jüngere Mann zeichnet sich durch seine Frontalität aus; beinahe scheint er den Betrachter anzublicken und mit gebeugtem linkem Fuß auf ihn zuzugehen. Die linke Hand trägt einen Goldkelch, während die rechte zum Hut geführt ist, den er vermutlich im nächsten Moment aus Ehrerbietung abnehmen wird. Er scheint den Betrachter durch seinen Blick animieren zu wollen, es ihm in seiner Geste der Andacht gleichzutun.

Der König am rechten Bildrand neben ihm ist Teil der Konvention – ausgehend vom 12. Jahrhundert und verstärkt seit dem 14. Jahrhundert – einen der drei Könige als Schwarzafrikaner darzustellen. Dies könnte damit zusammenhängen, dass sie verschiedene Erdteile repräsentieren sollten. Je nach Region ist die Zuschreibung der Namen zu den jeweiligen Königen unterschiedlich: Caspar, Melchior und Balthasar. Caspar als jüngster König bringt traditionell die Myrrhe – vielleicht handelt es sich hier um ihn, da er bartlos dargestellt ist? Besonders seit dem Ende des 15. Jahrhunderts wurde der schwarze König in der gotischen Malerei nördlich der Alpen gezeigt; ebenfalls in Kontrast mit heller Kleidung, wie in diesem Fall mit kurzem goldenen Rock und einem silbernen Oberteil, dessen Volumen einem Brustpanzer ähnelt. Er hat pausbäckige Wangen, einen großen roten Mund und kurze Locken – den Hut hat er bereits abgenommen und hält ihn in seiner linken Hand – wobei diese Merkmale typisch für einen sogenannten „Mohr“ waren.
Schlagende Vergleiche bieten Werke der sogenannten Ulmer Schule, wie etwa die welligen Locken Marias sowie die Haartracht der anderen Figuren; die eindrucksvollen Gesichter mit markanten Wangenknochen; die Darstellung des in Überraschung geöffneten Mundes sowie die Figur des dunkelhäutigen Königs. Die Physiognomie der Figuren deutet auf die Nachfolge von Hans Multscher (1400-1467) hin, der die Ulmer Bildhauer maßgeblich beeinflusste. Das Relief könnte aus der Werkstatt von Michel Erhart (1440/45-1522) stammen, die er ab 1474 in Ulm unterhielt. Vergleicht man seine Figurentypen auf der Relieftafel des Blaubeurer Hochaltars, so sind treffende Ähnlichkeiten ersichtlich. Jedoch fällt die Draperie der schweren Gewänder in kantig-komplexen Faltenkonfigurationen, während das hier diskutierte Relief durch eine weiche Modellierung der Kleidung und der Körper besticht. Dies deutet auf eine frühere Entstehungszeit, wohl in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, hin. Ähnliche Darstellungen finden sich auch Anfang des 16. Jahrhunderts bei den Flügelreliefs von Niklaus Weckmann (1481-1526), der eine der größten süddeutschen Bildschnitzerwerkstätten der Spätgotik entwickelte.
Es ist eindeutig, dass dieses Relief aus einer spätgotischen Werkstatt im schwäbischen
Raum, vermutlich aus dem Bildhauernetzwerk der Ulmer Schule der zweiten Generation (ab der Mitte des 15. Jahrhunderts), stammt.