Wer weiß, ob sie wiederkommen"
Oscar Wilde
JÜNGLING MIT WEIHRAUCHFASS
Mit einer stilkritischen Analyse von Dr. Arthur Saliger, ehem. Kurator der mittelalterlichen Abteilung im Belvedere, Wien und einer wissenschaftlichen Pigmentanalyse von Univ. Prof. Dipl.Ing. Dr. Manfred Schreiner, ehem. Leiter des Instituts für Wissenschaften und Technologie an der Akademie der bildenden Künste, Wien.
Il-de-France
Um 1285
Kalksandstein
Reste von originaler Polychromie
Höhe 80 cm
Liturgische Jünglingsfigur mit Weihrauchfass
Stilkritische Analyse
Die „Toga“-artig bekleidete, auffallend schlanke Jünglings-Gestalt in extrem steil-kurviger Haltung (80 cm hoch) ist aus einem auffallend hellen, feinporigen Kalksandstein gearbeitet, wobei die skulptural gebildete Oberfläche dank der Patinierung „nachgedunkelt“ ist und der authentische Habitus des Gesteins an der Unterseite der Standplatte vorzufinden ist.
Nachdem in den Faltentälern des hochgezogenen, vom rechten abgewinkelten Arm eingeklemmten Mantel-Umhangs geringe Spuren von einer Polychromie vorhanden sind, unter denen noch kleinere Spuren eines „originalen“ Polyments konstatiert werden konnten, ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass diese Skulptur im ursprünglichen Zustand farbig gefasst gewesen sein muss, was nicht zuletzt auch aus der „porigen“ Oberflächen-Beschaffenheit a priori zu erschließen ist. Indem diese Skulptur „allseitig“ bildhauerisch bearbeitet worden ist, kann verlässlich davon ausgegangen werden, dass ihr ursprünglicher „Aufstellungsort“ allenfalls in einem Baldachin ohne einer Rückwand, oder – wahrscheinlicher – als völlig „frei“ stehende „Akroter“-Figur, wie solche über schlanken Pilonen entweder bei Bekrönungen von „Saint-Sépulchre“(=Heilig-Grab-Christi)-Monumenten (siehe dasjenige als polygonales Gebilde von dem um 1260 im Kreuzgang des Münsters von Konstanz, oder – am 1366 vollendeten – durchbrochenen Turmhelm-Ansatz von der Wallfahrtskirche „Maria Straßengel“ bei Graz) als quasi „willkürliche“ Exempla genannt werden können, oder – nicht zuletzt des Attributs des Turribels (=Wehrauchfass) – auch im Kontext mit einem Tabernakel-förmigen Altar-Baldachin (=Ziborium) vorstellbar ist.
Die extrem „vertikal“ gelängte, steil-kurvige Körper-„Achse“ offenbart sich in ihrem individuellen „Stil-prägenden“ Habitus in der Rücken-Ansicht dieser Skulptur wohl am deutlichsten, wobei die von der „glatten“ Schulter-Partie „abwärts fallenden“, gegen die Standplatte zunehmend an Volumen gewinnenden Röhrenfalten zwei seitlich gegenläufige (also aufwärts strebende), Laschen-förmige Mulden und eine hierzu mittig angeordnete abwärts gerichtete, lange solche „Mulde“ eine lebhafte Dynamisierung innerhalb des genuin „lang-striemigen“ Draperie-Ensembles bilden. Zu dieser somit scheinbar „initiierten“ Dynamik korrespondieren an der linken Flanke dieser Statue die gegenläufigen „Schübe“ innerhalb der herabfallenden Falten-Stauungen in der formal zunehmenden Individualisierung der kaskadierenden Falten der Mantel-Draperie, die gegen die Standplatte zunehmend „winkelige“ Brüche bewirkt. In diesem Kontext beschreibt die den linken abgewinkelten Arm bedeckende Mantel-Partie einen den linken Unterarm durchaus „Höhlen“-artigen, beinahe stereometrisch wirkenden Hohlraum, der – aufgrund der Disposition der Mantel-Draperie – mittels der den Figuren-Körper umhüllenden Gewandung in deren somit entstandenen haptischen Duktus genetisch motiviert ist. Demgegenüber ist – eben nicht zuletzt der bereits beschriebenen „einklemmenden“ Raffung der Mantel-Draperie mittels des aufwärts abgewinkelten rechten Arms – die rechte seitliche Flanke dieser Skulptur unterhalb des rechten Ellenbogen-Bereichs von sukzessive zunehmend spitzwinkelig arrangierten, in den „Knien“ der Gewandfalten jedoch sanft entschärften, lebhaften Kaskaden geprägt, deren aufstrebenden Röhrenfalten einerseits gegen den rechten Unterarm konvergieren und andererseits auffallend kurvenlineare Saumlinien ausbilden (das korrespondierende französische Idiom „curviligne“ drückt dieses Stil-prägende Phänomen onomatopoetisch authentisch aus).
Der somit charakterisierend beschriebene Duktus der den Körper umhüllenden Mantel-Draperie kontrastiert zu dem bloß im oberen Brust-Ausschnitt einsehbaren „Kleid“, von dessen von einem einfachen Band gebildeten Hals-Ausschnitt zarte Parallel-Falten förmlich herab-„rieseln“.
Die somit charakterisierend beschriebene Disposition des Gewands resultiert letztendlich aus dem individuell motivierten, gegenständigen Haltungs-Motiv der vektoriell durchaus entgegengesetzten, dem Brustkorb angenähert arrangierten abgewinkelten Arme, deren Posen durch das auffallend „gegenstands-archäologisch“ authentisch wiedergegebene Turribel – inklusive der kurvig verlaufenden Kette – motivisch zu erklären ist. Im Akkord mit der höher gelagerten rechten Hand und der tiefer liegenden Pose der linken kommt im steil-gekurvten Verlauf der „mobile“ Charakter der feingliederigen Kette des Turribels zur Geltung; nachdem eben diese Kette von beiden Händen gehalten wird, kommt die „hängende Gewichtigkeit“ des Weihrauch-Gefäßes zu dessen authentisch nachvollziehbarer Wirkung.
Das von „ebenmäßigen Zügen“ gekennzeichnete, beinahe „kugelig“ wirkende Haupt zeichnet sich im hochovalen Gesicht sowohl durch den kontinuierlich „kurvigen“ Linienzug, bestehend aus den äußerst sanft gekrümmten Brauen und des betont schmalen Nasenrückens, als auch durch die betont schmalen Augen-Schlitze und dem auffallend schmalen Mund (in der geringen Breite der Nüstern der Nase!) mit den knapp angedeuteten Mundwinkeln aus. Ein beinahe „Nimbus“-artiger, großformig gewellter Kranz von Haarmassen, deren – trotz beständiger Plastizität gegebener – linearer Duktus unter bereichernden Einsatz von Bohrtechnik in den Locken-Zentren nunmehr das knapp hochovale Gesicht umrahmt, hebt sich von der gerundeten, von kurvigen Haarsträhnen durchfurchten Schädelkalotte in dem ausladend plastischen Habitus markant ab.
Sowohl in den schlank elancierten Proportionen des Körpers, als auch im steil-kurvigen Duktus der Haltung und schließlich in der formalen Finesse der bildhauerischen Art der Behandlung der „Oberflächen“ der Skulptur weist sich diese als eine plastische Schöpfung von unverkennbar „höfischen“ Charakter aus, der Rückschlüsse ob ihrer ursprünglich gewiss repräsentativ gewesenen Widmung gestattet.
Skulpturen
Publikationen
LEONTINE VON LITTROW
Triest 1856 – 1925 Abbazia
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JOSEF STOITZNER
Wien 1884 – 1951 Bramberg im Pinzgau
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